Barrierefreie E-Books · Alternativtexte
Ein Alternativtext ersetzt das Bild – er beschreibt es nicht. Drei Fragen, konkrete Beispiele und die fünf häufigsten Fehler.
Stand: 10. September 2026
Die Frage ist nie „Was ist auf dem Bild zu sehen?“, sondern „Warum steht das Bild an dieser Stelle, und was ginge verloren, wenn es fehlt?“ Wer so fragt, schreibt automatisch bessere Alt-Texte als jedes Werkzeug, und meistens kürzere.
Und: Ein Bild, das nichts beiträgt, bekommt einen leeren Alt-Text. Das ist keine Faulheit, das ist die richtige Antwort.
Alles andere an einem barrierefreien E-Book lässt sich prüfen. Ob eine Sprachangabe gesetzt ist, ob die Überschriften eine Ebene überspringen, ob das Inhaltsverzeichnis vollständig ist – dafür gibt es Werkzeuge, die eine klare Antwort geben. Beim Alternativtext hört das auf. Ein Prüfprogramm sieht, dass einer da ist. Ob er etwas taugt, sieht nur ein Mensch.
Deshalb ist das hier die Stelle, an der sich ein ordentlich gemachtes Buch von einem durchgewinkten unterscheidet – und der Grund, warum alt="Bild" in einem Prüfbericht als erledigt durchgeht.
Vor jedem Bild, in dieser Reihenfolge:
Frage 3 wird am häufigsten übersprungen und erledigt am meisten Arbeit. In einem Sachbuch, in dem unter jedem Screenshot ohnehin steht, was er zeigt, sind die meisten Alt-Texte kurz.
Faustregel: ein bis zwei Sätze, ungefähr bis 150 Zeichen. Nicht weil eine Norm es verlangt, sondern weil Sprachausgabe linear ist – man kann einen Alt-Text nicht überfliegen. Wer vier Sätze schreibt, hält den Lesefluss an.
Braucht ein Bild wirklich mehr – ein Diagramm, eine Landkarte, eine Zeitleiste –, dann gehört die lange Fassung in den Fließtext oder in einen Anhang, nicht in den Alt-Text. Im Alt-Text steht dann, worum es geht und wo die ausführliche Beschreibung zu finden ist.
So nicht: alt="Karte" – oder das andere Extrem: eine Aufzählung aller siebzehn Ortsnamen mit Himmelsrichtung.
Besser: alt="Karte des Kontinents: im Norden ein Gebirge, im Westen ein großer Wald, im Osten das Meer. Dazwischen die Zwischenlande mit der Hauptstadt."
Die Karte im Roman soll nicht navigieren, sie soll die Welt anschaulich machen. Vier Richtungen und ein Bezugspunkt leisten das. Wer die vollständige Geografie braucht, bekommt sie im Anhang – und dort profitieren alle davon, nicht nur die Hörenden.
So nicht: alt="Screenshot des Prüfberichts"
Besser: alt="Prüfbericht mit drei Befunden der Stufe critical, alle drei betreffen fehlende Alternativtexte."
Der Screenshot steht da wegen des Ergebnisses, nicht wegen der Oberfläche. Wenn im Fließtext daneben schon steht, welche drei Befunde es waren, reicht: alt="Prüfbericht mit den drei genannten Befunden."
alt="Balkendiagramm: Anteil barrierefreier E-Books je Vertriebsweg 2025. Die Zahlen stehen in der Tabelle darunter."
Und dann steht die Tabelle wirklich darunter. Das ist mehr Arbeit als ein langer Alt-Text und die einzige Lösung, die trägt – Zahlen gehören in Text, nicht in ein Bild.
<img src="ornament.png" alt="" role="presentation"/>
Eine Kapitelvignette, ein Trennornament, ein Rankenmuster am Seitenrand: Der leere Alt-Text sagt der Sprachausgabe „hier ist nichts, was du vorlesen musst“, und sie geht darüber hinweg. Ein alt="Ornament" wäre an dieser Stelle schlechter, weil es den Text alle paar Seiten unterbricht, ohne etwas beizutragen.
Wichtig: leerer Alt-Text heißt alt="", nicht kein alt. Fehlt das Attribut ganz, liest manche Software hilfsweise den Dateinamen vor – und „ornament unterstrich final zwei punkt p n g“ ist genau das, was niemand hören will.
Und der Schrägstrich am Ende ist kein Tippfehler. Ein EPUB ist XHTML, und dort muss jedes Tag geschlossen werden – auch eines, das keinen Inhalt hat. In einer normalen Webseite darf <img …> offen bleiben, in einem E-Book nicht. epubcheck meldet es sofort.
Beim Cover ist der Alt-Text nicht die Beschreibung des Bildes, sondern die Information, die es trägt: alt="Cover: Barrierefreie E-Books. Vom Manuskript zum geprüften EPUB. Von Sandra Podestat." Die Farbwahl und die Typografie gehören nicht hinein.
alt="IMG_4471.jpg" ist schlimmer als gar nichts, weil es formal als erledigt zählt.alternativeText in die Metadaten ein, im Buch steht kein einziger. Aus einer Lücke wird so eine Falschangabe.Nicht einzeln im Quelltext, sondern alle auf einmal. Der ace-Bericht hat dafür einen eigenen Abschnitt: eine Tabelle mit jedem Bild und seinem Alt-Text, untereinander. Zehn Minuten Lesen, und die Wiederholungen, die Leerstellen und die Sätze, die ohne Kontext nichts bedeuten, springen einen an.
Wie du den Bericht erzeugst, steht in EPUB prüfen: ace und epubcheck Schritt für Schritt.
Die zweite Probe ist unangenehmer und ehrlicher: Lass dir eine Seite mit Bild vorlesen – VoiceOver am Mac, NVDA unter Windows. Wenn du an der Stelle zusammenzuckst, hast du deinen Befund gefunden.
Jedes Bild braucht ein alt-Attribut. Ob es gefüllt ist, hängt vom Bild ab: inhaltstragend ja, rein dekorativ leer. Weggelassen werden darf es nie.
Als ersten Entwurf ja, besonders bei vielen ähnlichen Bildern. Aber jede Zeile gegenlesen: KI beschreibt, was zu sehen ist, und weiß nicht, warum das Bild an dieser Stelle steht oder was schon im Text daneben steht. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem vorhandenen und einem brauchbaren Alt-Text.
Der Text im Bild gehört in den Alt-Text – oder besser: gar nicht erst ins Bild. Eine als Grafik eingebaute Tabelle ist für die Sprachausgabe eine leere Fläche und lässt sich auch nicht vergrößern, ohne zu verpixeln.
Dann hast du an dieser Stelle nichts zu tun. Es bleiben Kapitelvignetten, Trennzeichen und die Karte – die Vignetten bekommen einen leeren Alt-Text, die Karte einen richtigen.
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Werkzeuge mit Versionsstand, die Beispiel-EPUBs zum Nachbauen und die Prüfberichte dazu.